SG Aktuell |

Artenvielfalt fördern in Garten, Gemeinde und Gemarkung

Mehr tun für den Artenschutz im Siedlungs- und Außenbereich – aber wie?

 

Mit dieser Fragestellung wandten sich Bürgermeister Frederick Meyer aus Isenbüttel und Initiator Gerhard Rohs an die Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Im Rahmen des „Niedersächsischen Weges“, einem Bündnis zwischen Politik, Landwirtschaft und Naturschutz bietet die Kammer für den Landkreis Gifhorn mit der Beraterin Kerstin Fricke seit kurzem eine Beratung zum Biotop- und Artenschutz für Landwirte und Kommunen an. Neben den ökologischen werden auch die ökonomischen Aspekte für die Landwirtschaft in den Blick genommen.

Während eines gemeinsamen Ortsrundgangs durch Isenbüttel wurden die kommunalen Flächen in Augenschein genommen, auf denen mehr Artenvielfalt entstehen könnte. Angefangen von Grünflächen entlang der Riede, über Begleitgrün neben den Ortsstraßen oder den Wegeseitenrändern in der Gemarkung.

Mit welchen Schritten mehr Vielfalt im eigenen Garten möglich ist, erläutert die Beraterin im nachfolgenden Artikel und beleuchtet im geplanten Impulsvortrag die Ursachen für den Artenrückgang, erklärt was Insekten und Vögel brauchen und was wir konkret in Gärten, Gemeinde und Gemarkung umsetzen können, um der Natur zu helfen.

Der Vortrag „Artenvielfalt fördern in Garten, Gemeinde und Gemarkung“ findet am Mittwoch, 28. September, um 18.00 Uhr im Schulforum, Schulstraße 31 in Isenbüttel statt. Hierzu lädt die Gemeinde Isenbüttel alle interessierten Bürger*innen der Samtgemeinde sowie Akteure aus Politik, Landwirtschaft und Naturschutz herzlich ein.

Bienenfreundliche Blühflächen im Garten, kräuterreiche Rasenmischungen und Vogelschutzgehölze für das öffentliche Grün im Dorf bis hin zur insektenfreundlichen Wegrainpflege in Feld und Flur sind nur einige Beispiele.
 

Mit sechs Maßnahmen der Natur helfen

Artenrückgang und Insektensterben hängen eng zusammen, denn die Sechsbeiner haben eine Schlüsselfunktion. Sie sind Nahrungsquelle für viele Vögel, Fledermäuse und Kleingetiere und sie bestäuben eine Vielzahl unserer heimischen Nutz- und Wildpflanzen. Die Ursachen für den Insektenverlust liegen u.a. am Rückgang der Lebensräume nicht nur in Feld und Flur, sondern auch in unseren Dörfern und Städten.

Hier können wir selbst Hand anlegen und in Gärten, auf Gemeindeflächen, öffentlichen Plätzen und Friedhöfen etwas für die bedrohte Tier- und Pflanzenwelt tun, indem wir Nahrungspflanzen, Nistplätze und Überwinterungsmöglichkeiten anbieten. Je vielfältiger die Lebensräume und Nischen, umso mehr Artenvielfalt ist garantiert. Sechs einfache und zugleich effektive Maßnahmen können der Natur helfen:
 

Heimische Wildstauden und Kräuter statt exotische Züchtungen

Unsere Tiere und Pflanzen haben sich im Laufe der Evolution über Jahrtausende aneinander angepasst. Sie gehören zusammen wie Schlüssel und Schloss. Einheimische Stauden, Sträucher und Bäume werden von erheblich mehr Tierarten genutzt als Pflanzen fremdländischer Herkunft. Viele heimische Tiere sind Feinschmecker und fressen nur von ausgewählten Pflanzen. Die Honigbiene ist nur eine von über 500 hiesigen Bienenarten. Sie ist ein wahrer Allesfresser und kommt häufig auch mit Zierpflanzen und „Exoten“ zurecht. Die übrigen Wildbienenarten, die z.T. auf der „Roten Liste“ stehen, sind deutlich wählerischer und brauchen oft ihre ganz speziellen Blüten zum Überleben. So fliegt beispielsweise die Natternkopf-Mauerbiene ausschließlich auf den langhalsigen Natternkopf.

Die heimische Wildflora mit ihren ungefüllten Blüten ermöglicht den Insekten problemlos an Nektar und Pollen zu gelangen und erfreut den Betrachter mit ihren zarten Farben und Formen. Die Wahl sollte also vorrangig auf Pflanzen wie z.B. Wiesenmargerite, Gewöhnliche Schafgarbe, Acker-Glockenblume, Sandthymian, Rainfarn oder Gewöhnliche Akelei fallen, statt auf die gefüllten Zuchtformen oder Stauden von anderen Kontinenten. Züchtungen machen den Insekten das Leben schwer. Die gelbleuchtende Forsythie ist ein Hybrid, eine Kreuzung aus zwei Arten. Sie hat sterile Blüten, die weder Nektar noch Pollen liefern und somit für die Bienen nichts zu bieten haben. Ähnliches gilt für gefüllte Rosen. Hier wurden die Staubgefäße in Blütenblätter umgezüchtet. Sie haben keine Hagebutten und sind unterm Strich ökologisch wertlos.

Der Handel wirbt mit bienenfreundlichen Blühmischungen, aber Achtung: Das Prädikat „bienenfreundlich“ bezieht sich nur auf die Honigbiene, ein Nutztier, und nicht auf die vom Aussterben bedrohten Wildbienen. Kunterbunte Blühmischungen mit Sämereien aus allen Herren Ländern sehen durch Sonnenblumen, Phacelien und Cosmeen schön aus, sind aber für die Wildbienen unattraktiv. Sie benötigen heimische Blüten. Also sollte die Wahl auf Wildsaatgut aus regionaler Herkunft fallen, das sogenannte „Regiosaatgut“.


Regionaltypische Gehölze pflanzen

Hofbäume und Alleen verleihen den Hofstellen und Dörfern ihre ganz eigene Identität und Ästhetik, verbessern das Mikroklima und leisten einen praktischen Beitrag zum Naturschutz. Die Heidedörfer mit hochgewachsenen Eichen sind hierfür ein Paradebeispiel. Und wer eine Streuobstwiese anlegt schafft damit eines der artenreichsten und wertvollsten Biotope überhaupt. Ökologen sprechen von 5000 Tier- und Pflanzenarten, die von dieser Nische profitieren.

Vögel mögen dichte fruchttragende Hecken für Nestbau und Speiseplan. Sie bevorzugen stachelige Sträucher, denn diese bieten das ganze Jahr über volle Deckung vor Fraßfeinden - selbst im Winter, wenn das Laub fällt. Heimische Vogelsträucher sind Ilex, Wildrose, Schlehe und Berberitze. Besonders wertvoll ist der hiesige Weißdorn. Er bietet Nektar, Früchte und Unterschlupf für über 30 Vogelarten und ebenso viele Schmetterlinge.


Blumenwiese statt Scherrasen

Ein grüner Rasen kann jederzeit betreten werden, fordert aber auch ständige Mahd und Pflege und hat kaum etwas für die Insekten zu bieten. Ganz anders eine Blumenwiese: Sie braucht 1 bis 3 Mähgänge, beherbergt bis zu 50 Pflanzenarten und liefert höchsten ökologischen Wert. Eine typische Wiesenmischung besteht aus 50% Blumen und 50% Gräser. Die enthaltenen Pflanzenarten sind für unterschiedliche Standortbedingungen geeignet, sodass je nach Pflege und Standort bestimmte Pflanzen sich durchsetzen. Eine Alternative stellt der schnittverträgliche Kräuterrasen dar. Er vermittelt zwischen der hochwüchsigen Blumenwiese und dem Einheitszierrasen, ist mäßig trittfest und überzeugt durch schnittverträgliche Blütenpflanzen. Empfehlenswert sind Mischungen, die sich konsequent aus heimischen und überwiegend mehrjährigen Wildarten zusammensetzen. Ein Qualitätsmerkmal sind Zertifizierungen, die die ausschließliche Verwendung gebietseigenen Saatgutes von Wildpflanzen nachweisen.
 

Stein auf Stein ohne Mörtel

Je nach Standort, ob sonnig oder schattig, kann ein Steinhaufen bzw. eine Steinmauer ihren ganz eigenen Charakter entwickeln und unterschiedlichste Bewohner anziehen, vom Igel über die Spitzmaus, von der Kröte über Laufkäfer und andere Insekten.

Steinhaufen und -mauern in sonniger Lage mit reichlich Fugen bieten Hohlräume für Wildbienen und spinnen, und in den etwas größeren Spalten fühlen sich Eidechsen wohl. Die wechselwarmen Reptilien sonnen sich gerne auf der Mauerkrone - denn sie benötigen morgens 32 Grad Körpertemperatur, um in Gang zu kommen - und verschwinden blitzschnell in den Schlitzen, wenn sie vom Jäger zum Gejagten werden. Nur eine sparsame Bepflanzung mit Mauerblümchen wie z.B. Zwerg-Glockenblume, Stein-Nelke oder Feldthymian ist ratsam, damit genügend Platz für Sonnenbänke und Jagdrevier bleibt. Als Baumaterial passt Sandstein aus der Region, aber auch einfache Lesesteine vom Acker, die sich unverfugt stapeln lassen.
 

Totholz lebt

An toten Gehölzen und abgestorbenen Ästen erfreuen sich Insekten und Vögel. Sofern keine Verletzungsgefahr droht, sollte das Totholz an den Bäumen und Sträuchern verbleiben und nicht dem gärtnerischen Ordnungssinn zum Opfer fallen. Stammabschnitte, Wurzelwerk oder abgebrochene dicke Äste aufgetürmt zu einer Pyramide oder Baumschnitt linienförmig angelegt als Benjeshecke entwickeln sich schnell zu einer Oase für Reptilien, Kleinsäuger und Insekten. Wildbienen nutzen die Käferfraßgänge für ihre Brut. Als gestalterisches Element lassen sich mit Totholzhaufen Problembereiche wie schattige Stellen unter Bäumen beleben und ebenso sonnenheiße trockene Plätze, an denen Stauden kaum eine Chance haben. Praktisch ist, dass Baumschnitt immer wieder nachgelegt werden kann, denn winzige Organismen beschäftigen sich ständig mit dem Zerfall des Geästes.


Wildnis zulassen

Randbereiche sollten bewusst liegen gelassen werden, denn wilde Ecken mit Brennnesseln, Laub, verblühten Samenständen, Altgras und Reisighaufen bieten Futter für Schmetterlinge und Überwinterungsmöglichkeiten für Igel und Insekten. Auch Vogelnistkästen, Fledermausquartiere, offene Bodenstellen und Wildbienenhotels sowie Vogeltränken und Wasserstellen helfen der Tierwelt. Der bunte Maßnahmenstrauß schrittweise umgesetzt muss nicht viel kosten oder Arbeit machen, aber er hat das Potential für Mensch und Tier ein Paradies zu schaffen.

Kerstin Fricke, Beraterin zum Biotop- und Artenschutz                                                                               

Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Bezirksstelle Uelzen
Standort Celle
Biermannstraße 14
29221 Celle
E-Mail: kerstin.fricke@lwk-niedersachsen.de
Internet: www.lwk-niedersachsen.de